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GPM 2/04 - Bellas Blick ist schwer zu deuten, er birgt eine seltsame Mischung aus Einfältigkeit und Hochmut. Gleichgültig beobachtet sie das Treiben um sich herum, zeigt beim letzten medizinischen Check, bei Blutabnahme, Röntgen und der Befestigung von nummerierten Marken an den Vorderflossen kaum eine Regung und lässt sich schließlich widerstandslos in die Ambulanz hieven. Der schicke Rettungswagen ist der Stolz der einzigen Schildkröten-Spezialklinik der Welt – in Marathon auf den Florida Keys. Mit Bella an Bord biegt der Dodge-Van kurz darauf bei der Coast Guard ein, am Hafenbecken warten drei Beamte und ein Schlauchboot. Bella liegt noch im Laderaum, da ertönt, wie jeden Morgen, die Militärhymne. Die US-Flagge wird gehisst, die Crews von Küstenwache und Turtle Hospital legen die Hand aufs Herz – dann wuchten sie die Schildkröte in einen leeren Kinderswimmingpool auf dem Coast-Guard-Boot. Ein paar Meilen vor der Küste wird Bella vom Bootsrand sanft ins Wasser geschoben, und ohne eine Sekunde zu zögern sucht sie das Weite. Während ihr Schatten unter der Wasseroberfläche davon gleitet, fallen sich die Mitarbeiter des Turtle Hospitals in die Arme. „Jede Schildkröte, die wir gesund in die Freiheit entlassen, könnte fürs Überleben der Art die Entscheidende sein“, glaubt Klinikgründer Richie Moretti. „Deshalb geben wir für jede einzelne wirklich alles. Egal was es kostet.“ Die Mühe hat sich gelohnt, denn die Arbeit des 60-Jährigen hat das Verhältnis der Menschen auf den Keys zu den Meeresschildkröten grundlegend verändert.
„Zukünftige Steaks und Suppeneinlagen“ stand noch 1966 unter einem Foto im „Miami Herald“, das auf dem Rücken liegend gefesselte Grüne Meeresschildkröten (Suppenschildkröten) auf einem Fließband zeigte. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich in Key West eine florierende Dosensuppenindustrie entwickelt, für die Schildkröten aus der ganzen Karibik angeliefert wurden. Erst 1971 verbot ein Gesetz das Töten von Tieren, deren Panzer weniger als einen Meter maßen. Weil es kaum noch größere Schildkröten gab, war die Suppenbranche bald am Ende. Trotzdem ist das Schicksal der Meeresreptilien heute ungewisser denn je.
Richie Moretti ist eigentlich Automechaniker, seine Geschichte der gelebte amerikanische Traum: Schon als junger Mann brachte er es mit seiner VW-Spezialwerkstatt in Orlando zum Millionär. Zeit seines Lebens sei er in allem, was er angepackt habe, „der Beste“ gewesen, sagt er von sich. Doch Mitte der 80er Jahre verkaufte er die Werkstatt und zog mit seiner Freundin auf die Keys. „Ich war gekommen, um zu angeln, nicht um Schildkröten zu retten“, sagt er.
Die beiden kauften ein altes Motel, möbelten es auf und hielten in dessen modrigem Salzwasser-Swimmingpool zum Spaß ein paar Zackenbarsche, Stachelrochen und Hummer. Hotelgäste, vor allem Kinder waren begeistert. „Damals liefen gerade die ‚Ninja Turtles‘ im Kino“, erzählt Moretti, „ständig fragten sie uns, warum wir keine Schildkröten haben.“ Weil diese als geschützte Tiere aber nicht in Gefangenschaft gehalten werden durften, gab es nur eine Möglichkeit: eine Rehabilitationsstation für verletzte und kranke Tiere – dafür würde es eine Lizenz geben.
Meeresschildkröten leben seit 150 Millionen Jahren auf dem Planeten. Sie haben einen dicken Panzer und sind extrem hart im Nehmen, doch all das nützt nichts: Weltweit finden immer weniger Schildkröten den Weg zu den Eiablageplätzen, an denen sie einst selbst aus der Hülle schlüpften. Mehrere Arten drohen auszusterben, kein Lebensbereich der Schildkröten ist vor dem Menschen sicher: Sie plündern Gelege und machen ihnen die Niststrände streitig. Legen mit Fischernetzen und Tunfisch-Langleinen tödliche Fallen. Hinterlassen auf hoher See ihren Plastikmüll, den die Tiere mit Quallen verwechseln, ihrer Lieblingsbeute, und der ihre Gedärme verstopft. In den Meeren von heute gleicht ein Schildkrötenleben einem riskanten Parcours, von dessen Schikanen man sich am Pool hinter Morettis Motel ein Bild machen kann.
Das große Becken ist den „Lifern“ vorbehalten, Dauergästen, die in Freiheit nicht überleben würden. Dem Ältesten, Bubble-Butt, hatte vor 15 Jahren ein Motorboot sein Rückenschild zerschmettert, so dass er nicht mehr tauchen konnte. Dank eines angeklebten Zweieinhalb-Pfund-Gewichts kann er zwar jetzt wieder tarieren, doch es könnte sich in Freiheit lösen – er würde wieder hilflos an der Oberfläche treiben. Racer dagegen kann nur noch im Kreis schwimmen, weil eine verhedderte Angelschnur seine rechte Vorderflosse so tief eingeschnitten hatte, dass sie amputiert werden musste. Nur wenige Tage nach einem Freilassungsversuch strandete er wieder – nun bleibt er also lebenslänglich. Und schließlich April, die 1990 mit Tumoren auf beiden Augen eingeliefert wurde. Sie konnten entfernt werden, aber April blieb blind und wird seitdem täglich gefüttert.
Geschwüre plagen auch einige der Schildkröten in den großen Plastiktanks neben dem Hauptbecken. Sie leiden unter einer sich epidemisch ausbreitenden Krankheit. Die Fibropapillomatose, fürchten Forscher, könnte zum gefährlichsten Feind der Meeresschildkröten werden – und wiederum ist der Mensch offenbar nicht unbeteiligt. Nachdem die Wucherungen in den 30er Jahren erstmals beschrieben wurden, aber zunächst selten blieben, stieg die Zahl befallener Tiere seit den 80er Jahren rapide an und griff nach und nach auf sämtliche Arten und Weltmeere über.
In der Bucht von Florida war im Jahr 1987 jede zweite gestrandete Schildkröte befallen – für Moretti der Anlass, aus der Pflege-station eine richtige Klinik zu machen. Er baute eine alte Rotlicht-Bar neben dem Motel aus, die Ausstattung spendeten benachbarte Krankenhäuser und Ärzte. Wissenschaftler der Universität von Florida kamen, um Morettis Patienten zu behandeln und die Infektionswege zu erforschen. Schließlich gelang es, den Erreger zu identifizieren.
Tiere, die den Herpes-Virus in sich tragen, werden offenbar vor allem unter Umweltstress krank: Besonders viele Tiere sind in verschmutzten Meeresgebieten befallen. Moretti glaubt, dass zudem die Erwärmung der Ozeane eine Rolle spielt: „Der Zusammenhang zwischen Krankheitsschüben und warmen Klimaphasen ist unübersehbar“, sagt er, „selbst für Laien wie mich.“
Tierärzte aus der Nachbarschaft kommen in ihrer Freizeit zum Operieren ins Turtle Hospital. Oft reicht ein Schnitt mit dem Laserskalpell, um Tumore zu entfernen, aber manchmal müssen sie auch endoskopisch innere Geschwüre oder geschluckten Zivilisationsmüll entfernen. Die Klinik ist mit modernstem Gerät ausgerüstet, vom Anästhesieapparat bis zum Labor für die Blutanalyse – Hightechmedizin für Urviecher.
Klinikleiterin Sue Schaf und ihre Assistentin Corinne Rose arbeiten ehrenamtlich. Ihr Lohn: Von den rund 100 jährlich eingelieferten Schildkröten können sie dreiviertel gesund entlassen. Besonders gute Heilungschancen haben die zahlreichen Patienten mit Verstopfung oder Entzündungen im Darmtrakt. Wenn sie nicht gerade – wie neulich vorgekommen – einen ganzen Schuh im Magen haben, hilft eine bewährte Therapie: ölige Abführmittel, verdauungsfördernde Faserstoffe und Antibiotika.
So auch bei Bella, die drei Monate zuvor völlig abgemagert eingeliefert wurde. Die Unechte Karettschildkröte hatte zu viele Meeresschwämme gefressen, ihr Magen war verstopft und die entstehenden Gase ließen sie an der Oberfläche treiben. Nach einer dreimonatigen Wellnesskur hat sie sich wieder zu einer properen Schildkröte mit guter Überlebensprognose gemausert.
Zurück von der Freilassungsaktion spendiert Moretti allen Helfern einen Sekt: „Es hat sich gar nicht so viel geändert“, sagt er zufrieden. „Wie VW-Käfer sind Meeresschildkröten alle gleich gebaut. Es geht nur darum, die besten Mittel und die besten Leute zu finden, um sie wieder zusammenzuflicken.“
WAS IST DIE SCHILDKRÖTE WERT?
Selten klingt der Mensch so scheinheilig wie in seiner Forderung nach dem Erhalt der Arten. Schutz genießen Flora und Fauna nur dann, wenn sie einen Nutzen versprechen
Ein Essay von Claudia Ehrenstein
Textzusammenfassung
Als die ersten Europäer die Neue Welt erkundeten, staunten sie noch über die vielen Meeresschildkröten im Atlantik und in der Karibik. Heute stehen die Meeresschildkröten am Rande der Ausrottung.
Vor allem um den internationalen Handel mit Meeresschildkröten einzudämmen, wurde Anfang der siebziger Jahre das Washingtoner Artenschutzabkommen geschlossen. Es führt alle sieben Arten von Meeresschildkröten im Anhang I. Dieser verleiht den Tieren den höchsten Schutzstatus und verbietet die grenzüberschreitende Ein- und Ausfuhr von Fleisch, Eiern sowie Produkten aus Schildplatt wie Kämme, Knöpfe oder Brillen.
Die US-Regierung will nun den internationalen Handel mit gefährdeten Tieren wieder erleichtern. Die Nachfrage nach exotischen Tieren, nach Fellen und Trophäen ist groß. Schon jetzt werden weltweit mit wild lebenden Tieren - und auch Pflanzen - jährlich rund 200 Milliarden Dollar umgesetzt. Mit dem Töten, Fangen und Verkauf bedrohter Tiere sollen künftig vor allem arme Länder die finanziellen Mittel erwirtschaften, um Maßnahmen zum Erhalt bedrohter Arten durchführen zu können: Sie müssen sterben, um zu überleben. Diese Argumentation klingt nach einer Perversion des Artenschutzgedankens.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, bis zu welchem Punkt der Artenschutz als Rechtfertigung für politisches und wirtschaftliches Handeln dienen kann. Konflikte drohen vor allem dann, wenn der Schutz gefährdeter Tiere und Pflanzen auf Kosten der Menschen vor Ort durchgesetzt werden soll. Angesichts einer Weltbevölkerung von mehr als sechs Milliarden Menschen scheint ein Überleben ohne Ausbeutung anderer Arten auf Dauer kaum möglich zu sein. In manchen Ländern der Dritten Welt sind Meeresschildkröten ein Grundnahrungsmittel: In Kuba und Costa Rica, auf Java und Bali gelten sie immer noch als billiger Eiweißlieferant und sind ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Die Inuit in Alaska und das Volk der Tschuktschen in Sibirien sind auf die Jagd von Walen angewiesen. Dürfen ihre Interessen langfristig dem Schutz bedrohter Arten untergeordnet werden?
Auf den ersten Blick gibt es eigentlich keinen Grund, eine Art zu schützen - zumindest keinen wissenschaftlichen. Schätzungsweise 99 Prozent aller Arten, die jemals auf der Erde gelebt haben, sind wieder ausgestorben. Das Verschwinden von Schildkröten oder Walen bliebe wahrscheinlich ohne Folgen für die Meere. Ohne Panda oder Tiger bräche kein Ökosystem zusammen. Das oft beschworene ökologische Gleichgewicht ist ein menschliches Konstrukt und suggeriert, es gebe einen anzustrebenden Idealzustand. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung von der Natur als statischem Gebilde.
Die Natur aber verändert sich ständig. Unnatürlich ist heute allenfalls das Tempo der Veränderung, mit der Lebensräume zerstört und Arten vernichtet werden. Und da beginnt die Verantwortung des Menschen. Sie ist ethisch-moralisch begründet und folgt einem intuitiven, tief sitzenden Widerstreben, eine Art unwiederbringlich der Ausrottung zu überlassen. Die Religionen mahnen zum Erhalt der Schöpfung und berufen sich auf Schönheit und Einmaligkeit einer jeden Art. In der Präambel zum "Übereinkommen über die biologische Vielfalt", 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro formuliert, erkennen die Vertragsparteien einen Eigenwert der Arten an und verweisen auf die "ökologischen, genetischen, sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, erzieherischen, kulturellen, ästhetischen Werte sowie den Freizeitwert".
Letztlich treibt den Menschen also das Eigeninteresse. Der Erhalt tropischer Riffe oder Regenwälder wird gern damit begründet, unerforschte Tiere oder Pflanzen könnten interessante neue Wirkstoffe für die Medizin liefern und die Therapie bislang unheilbarer Krankheiten möglich machen. Ein solcher potenzieller Nutzen macht Tiere und Pflanzen für den Menschen wertvoll und liefert ein überzeugendes Argument für den Artenschutz.
Es herrscht inzwischen nicht nur in Deutschland ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, in den Bemühungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt nicht nachzulassen. Doch ausgerechnet jene Industrienationen, die einst die Natur rücksichtslos geplündert und Tiere und Pflanzen überhaupt erst an den Rand der Ausrottung gebracht haben, fordern nun besonders restriktive Maßnahmen zum Artenschutz. Die Bedürfnisse und Traditionen der Menschen vor Ort kommen dabei oft zu kurz. In Entwicklungsländern aber, wo in weiten Regionen noch immer Hunger und die Beschaffung von Nahrung den Alltag bestimmen, kann der Artenschutz nicht an erster Stelle stehen. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, die natürlichen Ressourcen für den eigenen Bedarf maßvoll zu nutzen.
Der World Wide Fund for Nature (WWF) zeigt, wie das gehen kann. Der Schneeleopard gehört zu den am stärksten bedrohten Tierarten der Erde. In den Bergen Zentralasiens leben nur noch rund 5000 Tiere, davon etwa 700 in der Mongolei. Dort verdrängen Schaf- und Ziegenherden der Nomaden zunehmend die natürlichen Beutetiere des Schneeleoparden, der dann gezwungen ist, Nutztiere zu jagen. Die Nomaden wiederum machen Jagd auf den Leoparden. Ein scheinbar kaum zu lösender Konflikt. Dennoch ist es gelungen, die Nomaden für den Schutz der Raubtiere zu gewinnen. Der WWF unterstützt die Nomaden bei der Vermarktung kunstgewerblicher Produkte. Im Gegenzug verpflichten sich die Nomaden, den Schneeleoparden nicht zu jagen, vereinzelte Verluste von Schafen und Ziegen zu tolerieren und die Größe ihrer Herden langsam zu reduzieren. Halten sie alle Abmachungen ein, kassieren sie am Ende des Jahres einen Bonus. Das ist ein attraktiver Anreiz für den Artenschutz.
Das Überleben der Meeresschildkröten aber ist noch nicht gesichert. Ihr Fleisch wird in manchen Ländern noch immer als Delikatesse angeboten. Auf der griechischen Insel Zakynthos sorgen Naturschützer für ein friedliches Nebeneinander von Mensch und Tier. Jeden Morgen suchen sie am Strand nach frischen Nestern und markieren sie mit einem Drahtgestell. So wissen die Touristen, wo sie Sonnenschirm und Liegestuhl nicht aufstellen dürfen. Die Eier in den Gelegen brauchen genügend Sonne, um sich zu entwickeln. Die Temperatur entscheidet über das Geschlecht der Nachkommen. Ist es zu kühl, schlüpfen fast nur Männchen. Meeresschildkröten sind erstaunliche Tiere. Schon deshalb haben sie unseren Schutz verdient.
Claudia Ehrenstein, Jahrgang 1961, studierte Geologie in Hamburg. Ihre ersten Artikel schrieb sie Mitte der achtziger Jahre über Goldsucher in der Oberpfalz und die frühen Umweltsünden der Menschheit. Sie ist heute Politik-Redakteurin bei der Berliner Tageszeitung "Die Welt". Zu ihren Themen gehören Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Immer wieder zieht es sie aus der Hauptstadt ans Meer. In Kanada und Südafrika hat sie schon Wale beobachtet. Von der Begegnung mit einer Meeresschildkröte träumt sie noch.

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